Zeitschrift Rehatreff

Auszüge aus einem Artikel erschienen in der Zeitschrift Rehatreff 2/2008; Kinder, Kinder 1/2008

Wie wird man Zauberlehrling?

Das nordhessische Hemfurth am Edersee ist der Sitz des Vereines „David Copperfields Project Magic Deutschland e. V.“

Alexander besuchte das Internat der bayerischen Landesschule für Körperbehinderte in München. Dort nahm er als 14-jähriger Mitte der 90er Jahre am Unterrichtsfach „Project Magic“ teil. Er wurde zum Zauberlehrling. Nach Meinung des Vaters war Alex „ein Kind voller Phantasie, voller Begeisterung für Tanz und Bewegung, aber auch voller Angst vor jedem Schatten und Ungewohnten.“

Bei dem frühkindlichen Autisten, der an feinmotorischen Störungen litt, wurde durch die Teilnahme am Project Magic so viel positiver Lebensmut geweckt, dass er befähigt wurde, seinem vermeintlichen Schicksal zu trotzen und seinen Weg zu gehen. „Sogar seinen Wunschberuf, Brauer und Mälzer, kann er zur vollen Zufriedenheit seines Arbeitgebers ausüben. Und er hat ein Hobby, das seine Phantasie und Kreativität fordert und das ihm viel Freude am Gelingen und Präsentieren bringt“, berichtet der Vater.

Aufgrund seiner erlernten Zauberkünste wurde er 1999 zusammen mit David Copperfield und Ulrike Musäus, Gründerin von Project Magic Deutschland e.V., zu Stern TV von Günther Jauch eingeladen. Sein Vater hatte nicht den Mut, die Sendung live anzuschauen, aus Angst, dass aus dem Helden ein Clown gemacht werden könnte. „Beim Ansehen der Aufzeichnung sah ich dann einen selbstbewussten jungen Mann agieren, der offensichtlich irgendwo das Fürchten verlernt hat … We must believe in Magic.“

Die Sendung bei RTL hatte nachhaltige Auswirkungen. So sahen in Hessen Mirko Hönig und Christoph Costabel, beide von Beruf Ergotherapeuten, begeistert die Sendung. Sie fanden die Idee, durch Zaubern chronisch kranken und behinderten Menschen positive Energie zu vermitteln, nachahmenswert.

„Wir schauten im Videotext nach der Telefonnummer von Project Magic und riefen an“, erzählt Mirko Hönig. Kurze Zeit später fuhren die beiden zu ihrer ersten Schulung ins Hotel/ Restaurant Oberland und ins Zauberkabinett in Bad Heilbrunn. Dort trafen sie auf den Hotelier und Magier Alexander Römer, der in ihnen das Interesse an der Magie weckte. Sie erfuhren, dass Project Magic aus Kalifornien stammt und lernten Inhalte der Vereinsarbeit kennen.

Es war kein Geringerer als David Copperfield, der die Inspiration zur Gründung von „Project Magic“ hatte. Er korrespondierte monatelang brieflich mit einem jungen Magier, bis der ihm schließlich ein Foto zuschickte. Erst da erfuhr Copperfield, dass der junge Mann im Rollstuhl saß. Er war begeistert von der Tatsache, dass das Selbstbewusstsein dieses Rollstuhlfahrers offenbar so groß war, weil er eine ganz spezielle Sache hatte, die ihn faszinierte - die Magie.

Daraufhin gründete David Copperfield 1982 zusammen mit der Ergotherapeutin Julie Dejean das PROJECT MAGIC am Daniel-Freeman-Rehabilitationszentrum in Kalifornien. David Copperfield hatte durch den Magier im Rollstuhl erkannt, dass die Magie für ALLE Menschen zugänglich ist. Und das jemand, der eine Behinderung hat, wie zum Beispiel eine Rückenmarkverletzung, eine Halbseitenlähmung, eine Kopfverletzung, eine Seh- oder eine Lernbehinderung, besonders vom Zaubern profitiert.

Für Menschen mit rheumatologischen, psychosomatischen Erkrankungen und bei Drogen- und Alkoholabhängigkeit erfüllt das Zaubern ebenfalls einen therapeutischen Zweck.

Warum ist das so ?

Beim Erlernen der Zaubertricks wird für die erforderliche Fingerfertigkeit die Feinmotorik und Sensibilität trainiert. Durch Anforderungen wie zum Beispiel Handlungsplanung, Auffassungsvermögen, logische Denkprozesse werden viele kognitive Funktionen verbessert. Das Arbeiten in einer Gruppe fördert das soziale Verhalten wie Teamfähigkeit und Einfühlungsvermögen und trainiert zugleich die Kommunikations und Kontaktfähigkeit. Die Tricks sind mit geringem Zeitaufwand und wenig Material erlernbar. So haben die Zauberlehrlinge schnelle Erfolgserlebnisse, die sie auf Dauer motivieren.

Zum Programm von Project Magic gehört auch das Gestalten und Ausarbeiten einer Zaubershow. Während der Show schlüpft der Zauberer spielerisch in eine andere Rolle. Der Applaus des Publikums steigert das Selbstwertgefühl und lässt den Magier einmalig und einzigartig werden. Die Behinderung oder Erkrankung rückt in den Hintergrund.

25 Zaubertricks hat David Copperfield in seinem Trickbook, das inzwischen ins Deutsche übersetzt wurde, zur Verfügung gestellt. Seit 1994 existiert der Verein nun auch in Deutschland. Ulrike Musäus, Mitarbeiterin der Bayrischen Landesschule für Körperbehinderte in München gründete ihn in Kirchheim nahe der bayrischen Landeshauptstadt, nachdem sie sich 1993 am Daniel-Freeman-Hospital ausbilden ließ. Kurz darauf überzeugte sie ihren Arbeitgeber vom Project Magic. Sie startete ein Pilotprojekt und unterrichtete behinderte Kinder, unter ihnen auch Alexander. Heute unterrichtet Alexander dort selbst.

„Allein für ihn hat es sich gelohnt, Project Magic nach Deutschland zu holen“ sagt Frau Musäus heute. Inzwischen ist der Vereinssitz in Hemfurth am Edersee. „Ich habe den Verein gegründet, nun haben Mirko Hönig und Christoph Costabel die Fäden in der Hand. Sie haben ein Faible fürs Zaubern, entwerfen neue Zauberutensilien und bauen diese selbst.“ Auch am Trickbook 2 haben die beiden mitgewirkt. Hier wird die therapeutische Verwertbarkeit der Zaubertricks analysiert und beschrieben.

Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Ableger vom Project Magic: in Aachen, Berlin, Cham, Duisburg, Edertal, Hamburg, Höxter, Landstuhl, München, Schwalmstadt, Würzburg und Neckargemünd. Überall wird ge- und verzaubert: in Schulungen für Therapeuten, Ärzte und Pädagogen und in Zaubergruppen von Menschen mit Behinderungen.

Alle zusammen haben bereits ein Kommunikationsnetz geschaffen und bauen dieses immer weiter aus, damit möglichst viele Menschen am Project teilnehmen können und von der „Macht der Magie“ profitieren. Ab und zu kommt der große Meister David Copperfield persönlich vorbei.

 

Beate Zellner

 

Zaubern wie David Copperfield in Warburg

Zaubern im Fasching mit Patienten

Zaubern in Neckargemünd

Einen sehr schönen umfangreichen Artikel hat das SRH Magazin über Project-Magic veröffentlicht. zum Artikel

Zaubern als Therapie in Höxter