Noerdlingen im Ries / Weissenburg

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Wie hast du das nur gemacht?“ – Zaubern als Möglichkeit der Förderung von Denkleistungen bei Schülern mit geistiger Behinderung

So stolz hatte ich meine Schüler selten gesehen. Nach

einem neunwöchigen Zauberkurs durften die

Zauberschüler des Zauberkurses der Römerbrunnenschule Weißenburg, einem Förderzentrum mit

dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Bayern, ihre gelernten Zaubertricks vor Mitschülern und Lehrern im Rahmen der Abschlussfeier zeigen. Auch wenn die einstudierten Tricks der geistig behinderten Kinder und Jugendlichen nicht immer perfekt klappten, waren die Zuschauer beeindruckt und verblüfft von den Künsten der Vorführenden. Letztere genossen sichtlich den Applaus und das Bad im Scheinwerferlicht – eine Situation, die ihnen im Alltag sonst kaum begegnet. Denn aufgrund ihrer geistigen Behinderung gelingt es ihnen nur selten ihr Umfeld auf solch unterhaltsame Art und Weise positiv zu beeindrucken.

 

Dass die Zauberei auf vielen Gebieten für meine Schüler positive Effekte haben könnte, erahnte ich als angehender Sonderschullehrer bereits in Vertretungsstunden, in denen ich aus Zeitvertreib den Schülern kleine Zauberkunststücke beibrachte. Besonders interessant war für mich die Frage, ob sich das Medium Zaubern zur unterrichtlichen Förderung der Denkleistungen geistig behinderter Kinder und Jugendlicher eignet. Gerade Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung könnten mit Hilfe der Zauberei ihre kognitiven Fähigkeiten schulen und wichtige Problemlösekompetenzen erwerben. Im Sachunterricht hatte ich bereits erlebt, dass die Schüler von überraschenden, manchmal zauberhaft anmutenden Experimenten kognitiv herausgefordert wurden und unbedingt hinter das Geheimnis des Versuchs gelangen wollten. Warum sollte dies durch Zaubertricks nicht auch oder sogar auf noch motivierendere Art und Weise funktionieren?

 

Angeregt durch die viele Literatur zum Zaubern und angeleitet durch die Fortbildung des „Projekt Magic“ machte ich mich an die Arbeit und gründete einen Zauberkurs an meiner Schule.


 

Ich entschied mich aus entwicklungspsychologischen Gründen dafür den Zauberkurs nur für ältere Schüler der Hauptschulstufe anzubieten. Die elf- bis fünfzehnjährigen Schüler sollten kognitiv nicht zu schwach aber auch nicht zu stark sein. Die elementarsten Voraussetzungen des Denkens wie das Wahrnehmung und Erkennen des Zaubertricks als Problem sollten sie bereits entwickelt haben. Wichtig war es mir zudem, schüchterne Kinder und Schüler, die kaum Erfolgserlebnisse und in kaum einem Gebiet richtig gut waren, in den Zauberkurs aufzunehmen. Zwar sollte das Denken im Vordergrund stehen, aber da ich bereits mit der Möglichkeit spielte, auch zum Schuljahresabschluss mit der Zaubergruppe aufzutreten, würden diese Schüler bestimmt Könnenserfahrungen machen, die Ihnen gut tun.

 

Neun Wochen lang kamen die acht Teilnehmer des Zauberkurses regelmäßig für eine Schuldoppelstunde zusammen, um Zaubertricks zu entlarven, die Tricks einzuüben und zu verbessern. Darüber hinaus bastelte jeder Zauberschüler einen Zauberkasten, bemalte seinen Zauberstab und gestaltete ein Zauberbuch für die Arbeitsblätter, um so in die Rolle des Zauberers schlüpfen zu können.

 

Nach einem Zauberritual zum Einstieg führte ich zu Beginn der Zauberstunden den zu erlernenden Zaubertrick vor und ließ die Schüler zunächst wilde Vermutungen über das Trickgeheimnis aufstellen. Nachdem ich durch das erneute Zeigen des Tricks einige Vermutungen ausschließen konnte, hielten wir die wahrscheinlichsten Lösungsmöglichkeiten und mögliche Hilfsmittel an der Tafel fest. In einer Versuchsphase erhielten die Schüler die Möglichkeit Partnerweise die Lösungsmöglichkeiten mit dem verwendeten Zaubermaterial anzuwenden und hinter das Trickgeheimnis zu kommen.


Anschließend besprachen wir gemeinsam die Ergebnisse. Konnten die Schüler die Trickmethode nicht entlarven, führte ich den Trick erneut ganz langsam vor und führte die Kinder etwas an die Lösung heran. Gemeinsam wiederholten wir den Handlungsablauf und versprachlichten unsere einzelnen Arbeitsschritte. Bilder zu den einzelnen Schritten halfen den Schülern dabei als Gedächtnisstütze. In Partnerarbeit übten die Kinder sogleich ausgiebig den Trick samt Zauberspruch ein. Bei auftauchenden Problemen versuchte ich den Schülern zu helfen. Am Ende der Stunde durfte jeder Zauberer den Trick vor den anderen Zauberkollegen vorführen. Die Zuschauer gaben hilfreiche Tipps, was der Vorführende noch an seiner Darbietungsweise verbessern könnte und wie auftretende Pannen elegant umgangen werden könnten.

 

Durch die Akzentuierung der Unterrichtsstunden auf das Entlarven der Trickgeheimnisse mussten die Schüler ihre grauen Zellen in vielfacher Form betätigen. Die kleinen Zauberkünstler mussten Vermutungen über das Trickgeheimnis anstellen, plausible von weniger plausiblen Möglichkeiten zu unterscheiden und auf logische Weise das Trickgeheimnis lösen. Zudem mussten sie als Vorführende die Rolle des Beobachters einnehmen, um ihre Handlungen am Publikum auszurichten und zeitgleich als Beobachter in den Vorführenden hineinversetzen, um seinen Trick zu entschlüsseln oder um ihm eine Rückmeldung über das Ge- oder Misslingen des Zaubertricks zu geben.

 

Den Zauberkurs setze ich nun im neuen Schuljahr fort. Nun haben wir mehr Zeit uns auch komplexeren Zauberkunststücken zu widmen und ich merke, dass die Zauberer trotz ihrer begrenzten geistigen Möglichkeiten dank ihrer gelernten Vorgehensweisen und Fragetechniken schneller hinter das Trickgeheimnis gelangen als zu Beginn des Kurses. Zaubern stellt also meines Erachtens ein wirksames Mittel dar, geistig behinderte Schüler mit einer für sie neuen Methode zum Denken anzuregen.